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Wer lacht da?

Er wackelt mit gegrätschten Beinen und großen, unbeholfenen Schritten über den Schulhof. Dabei schlenkert er seine Arme scheinbar unkontrolliert um sich herum. „Er macht es wieder“, tuscheln zwei Klassenkameradinnen aus der 5. Klasse. Sie erzählen den Vorfall aufgeregt ihrer Lehrerin.
Er, das ist Marcel*. Auf dem Schulhof hat er vor seinen Mitschülern den schaukelnden Gang einer behinderten Schülerin meiner 6. Klasse imitiert. Wie hätten Sie reagiert? Ihn gescholten, weil man so etwas nicht macht?
Ich nehme Marcel in der nächsten Stunde mit in meinen Klassenraum. Auf seine Frage, was er dort solle, sage ich ihm nur, er würde heute etwas lernen. Unsicher steht er vorne neben mir, 28 Augenpaare meiner Schüler sind auf ihn gerichtet, als ich ihn vorstelle: „Das ist Marcel aus der 5b. Wir müssen ihm heute etwas erklären.“ Keiner sagt etwas.
Miriam* sitzt ganz vorn am ersten Tisch. Ich bitte sie, Marcel kurz ihre Geschichte zu erzählen. Sie erklärt ihm freundlich und ohne zu zögern, dass sie mit offenem Rücken geboren wurde. Die Folge ist, dass sie von der Hüfte abwärts gelähmt ist. In den Beinen und Füßen hat sie kein Gefühl. Dank der unermüdlichen Fürsorge ihrer Mutter, die seit der Geburt mit ihr arbeitet, ist sie heute in der Lage, sich durch eine besondere Schwungtechnik auf den Beinen zu halten. Miriam ist deshalb nicht an den Rollstuhl gefesselt. Sie kann in eine normale Schule gehen und am Leben der gesunden Kinder teilnehmen.
Als ich Marcel anschaue, ob er noch Fragen hätte, verneint er mit hochrotem Kopf. Ich sage ihm, dass wir sehr stolz auf Miriam sind. Ich will wissen, ob es richtig ist, ein so tolles, starkes Mädchen nachzuäffen. Das kann er jetzt nur noch verneinen. Leise sagt er: „Das hab ich nicht gewusst. Ich mach das nicht mehr.“ Die anderen 27 Schüler verfolgen schweigend, was dort geschieht. Ich entlasse Marcel mit den Worten: „Heute hast du etwas Wichtiges gelernt, Marcel. Wir wünschen dir noch einen schönen Tag.“
Dann gehen wir zur Tagesordnung über. Es bedarf in der Klasse keiner weiteren Erklärung.
Marcel hat etwas verstanden. Er sagt „Tschüss!“, und verlässt den fremden Klassenraum, ohne sein Gesicht zu verlieren. Er hat etwas gelernt. Wir sind in der Schule, um zu lernen. Ist doch normal.


©Karin Brose