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Falsche Schlüsse aus PISA

In der öffentlichen Diskussion wird für das schlechte Abschneiden Deutschlands bei internationalen Bildungsstudien ausschließlich das Schulsystem und die Qualität der Lehrer verantwortlich gemacht. Ich möchte die Ergebnisse differenzierter betrachten. Manche Studien behaupten, dass die frühe Trennung der Schüler nach Leistung die Chancen bildungsferner Kinder reduziert. Ein weiterer Vorwurf besteht darin, dass in Deutschland die Qualität des Schulabschlusses zu sehr von der wirtschaftlichen Situation der Elternhäuser abhängt. Die Methoden der Lehrer sollen veraltet sein. Frontalunterricht ist passé. Der Lehrer darf nur noch Lernbegleiter sein. Schüler bringen sich in Gruppen selber bei, was sie wissen müssen. Das ist modern und in Skandinavien erfolgreich. Dort herrschen allerdings andere Bedingungen.
Wie bringen sich 28 Hauptschüler, von denen 22 einen arabischen Migrationshintergrund haben, Deutsch bei? Und das ist nicht nur in Hamburg-Wilhelmsburg oder Berlin-Kreuzberg eine übliche Mischung und daher eine berechtigte Frage. Wie erklärt sich, dass die Pisaergebnisse in den Bundesländern mit dreigliedrigem Schulsystem ohne Gesamtschulen (wie in Bayern) am besten ausgefallen sind? Haben die gesellschaftlichen Faktoren vielleicht doch einen größeren Einfluss, als manche wahrhaben wollen?
Wenn die Klassen zum überwiegenden Teil aus Kindern bildungs¬ferner Familien mit mangelnden Deutschkenntnissen bestehen, leidet der Lernerfolg. Man muss sagen dürfen, dass Erfolg oder Misserfolg von sprachlichen Voraussetzungen und kulturellen Eigenheiten beeinflusst wird. Wenn die Wertschätzung der Schule im Elternhaus groß ist, ist auch der Lernerfolg der Kinder besser. Unabhängig von der wirtschaftlichen Situation der Eltern erklären sich so erhebliche Diskrepanzen im Schulerfolg von Kindern arabischer und asiatischer Herkunft. Wie die Sozialwissenschaftlerin der Universität Potsdam, Karin Weiss, bei Spiegel online im Januar 2006 bestätigt, haben die Kinder der ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter im Durchschnitt bessere Zeugnisse als deutsche Schüler und machen auch höhere Schulabschlüsse. Die guten Leistungen der Vietnamesenkinder begründet Weiss mit der Sozialisierung in deutschen Institutionen. Fast alle gingen frühzeitig in den Kindergarten. Ein weiterer Grund sei die traditionell hohe Wertschätzung von Bildung in der vietnamesischen Kultur.
Kommt die Überzahl der Schüler jedoch aus moslemischen Familien aus dem Vorderen Orient, sieht das leider anders aus. Kinder dieser Familien besuchen nur selten den Kindergarten und tragen ihre sprachlichen Defizite in die Schule.
Wenn solche Schulklassen nicht laufen, wenn die Erfolge ausbleiben, darf man das weder dem Schulsystem noch den Lehrern anlasten.
Hier ist die Politik gefragt, die lange Jahre nicht wahrhaben wollte, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Es wird deshalb Zeit, dass an das Kommen und Bleiben Bedingungen geknüpft werden, die den Immigranten und damit auch unserem Land bessere Chancen geben.
In einigen Bundesländern geht man richtige Wege. Vier¬jährige, auch deutscher Herkunft, werden überprüft und wenn nötig sprachlich gefördert. Hier wünsche ich mir von der Politik, endlich den Bildungsföderalismus aufzugeben, damit allen Kindern diese verbesserte Startrampe in unser Bildungssystem zur Verfügung steht. Eltern, auch bildungsferne Deutsche, müssen in die Pflicht genommen werden. Es liegt in ihrer Verantwortung, dass ihre Kinder gut Deutsch sprechen lernen und die bestehenden Werte anerkennen. Nur wer Bildung als Wert begreift ist bereit, zu lernen.
Die Voraussetzungen können wir Lehrer nur gemeinsam mit den Politikern schaffen. Die Politiker müssen Kindeswohl über Elternwohl stellen und die Verbindlichkeit von Fördermaßnahmen festschreiben. Wir Lehrer müssen die nötige Sensibilität für die kulturellen Gegebenheiten unserer Schüler mitbringen.


©Karin Brose