Home

Die Benachteiligten

Ich mache einen Hausbesuch bei den Ötztürks*. Wir sitzen im Wohnzimmer um den großen Tisch herum. Wir, das sind die Eltern, ihre vier Söhne, drei kleine Neffen, die Tochter der Nachbarin und ich. Meine Schülerin Ayse* pendelt zwischen der Küche und diesem Tisch hin und her. Sie muss Tee kochen, Gebäck servieren, Börek auftischen und wieder frischen Tee machen. Zwei der Jungen toben ihr derweil zwischen den Füßen herum. Der Kleinste zankt sich mit der Nachbarstochter um einen Gameboy. Zwei Söhne prügeln sich auf dem Sofa. An der Stirnwand des Zimmers läuft ein riesiger Flachbildschirm mit türkischem Fernsehprogramm. „Ayse gut in Schule?“, fragt mich Herr Ötztürk. „Sie gutes Mädchen.“ Klar, Ayse ist immer lieb. Aber gut in der Schule ist sie leider nicht. Was soll ich antworten? Wie sage ich diesem Vater, dass Ayse Zeit und Ruhe zum Lernen braucht? Ich weiß, dass sie ihr Zimmer mit den kleinen Brüdern teilt. Ich weiß, dass es keinen Arbeitsplatz gibt. Das Mädchen ist nie allein. Sie hat keinen privaten Fleck für sich. Wenn sie nicht gerade im Haushalt arbeitet, verhindert der Lärmpegel, der hier herrscht, jede Konzentration. So kann niemand Vokabeln lernen. Auch nicht in Pisa.
Ayse ist elf Jahre alt. Mädchen wie sie haben in ihrer Familienstruktur wenig Chance auf Bildung. Ich werde das türkische Familienleben nicht ändern. Ich kann Herrn Ötztürk nicht vorschlagen, den Fernseher auszumachen, die Neffen nach Hause zu schicken und die Söhne an die Schulaufgaben zu setzen. So läuft das hier nicht. Für Türken ist die Familie alles. Immer und jeden Tag sind sie zusammen, immer kommen Angehörige zu Besuch. Ich bitte also den Vater, dass er Ayse erlaubt, täglich nach der Schule zur Hausaufgabenhilfe zu gehen. Ich erkläre ihm, dass es auch gut für seine Tochter wäre, wenn sie zweimal in der Woche am Darstellenden Spiel teilnähme. Sie würde dadurch ihr Deutsch verbessern. Ich verschweige, dass ich mir erhoffe, dass das Mädchen dadurch mehr Selbstwertgefühl entwickelt. Herr Ötztürk stimmt zu: „Ayse gutes Mädchen. Kann da gehen.“
Aus politischer Überkorrektheit trauen wir uns kaum von „den Türken“ zu sprechen. Aber besonders in türkischen Familien stehen häufig die familiären Strukturen den schulischen Lernerfolgen von Mädchen im Wege. Auch Sie möchten den benachteiligten Ayses helfen? Dazu werden Sie viel Fingerspitzengefühl brauchen.
Bevor ich den Eindruck erwecke, ich würde „die Türken“ verunglimpfen, weise ich darauf hin, dass ich auch türkische Haushalte kenne, in denen Kinder ihr eigenes Zimmer haben und deutsche Kinder ohne geeigneten Arbeitsplatz.
Stefan* zum Beispiel kniet an der Fensterbank, wenn er überhaupt Hausaufgaben macht. Einen anderen Platz zum Schreiben findet er nicht. Am Küchentisch klönt seine Mutter mit der Nachbarin. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher den ganzen Tag. Stefans Vater ist arbeitslos. Fernsehen ist Lebensinhalt. Auch hier werden wir die lernverhindernden Strukturen kaum ändern.
Nur in Ganztagsschulen bekommen solche Kinder ihre Chance. Wir Lehrer haben hier ausreichend Zeit unseren Bildungsauftrag auch bei den Benachteiligten zu erfüllen. Für mich ist das Wichtigste, dass Schüler in der Schule die nötige Sozialkompetenz erwerben können, um später in ihrem Leben auf eigenen Füßen zu stehen. Lerninhalte sind dabei zu Beginn sekundär. Kinder, die in ihrer Klasse das richtige Umfeld zum Lernen vorfinden, die die nötige Arbeitsruhe haben, statt sich täglich ihrer Haut wehren zu müssen, haben gute Chancen auf einen ihnen angemessenen Schulabschluss.
Es ist naiv zu glauben, dass das „Abitur für alle“ dieser angemessene Abschluss ist. Man muss sagen dürfen, dass jedes Kind eine genetische und eine soziale Prädisposition mitbringt, die manchmal dem Lernerfolg Grenzen setzt. Wir Lehrer tun unser Bestes, diese Grenzen so weit wie möglich zu stecken.


©Karin Brose