Sie waren der Klassenbeste in Mathematik. Sie haben Freude an Zahlen und Gleichungen. Sie möchten Lehrer werden? Was liegt näher als Mathematik fürs Lehramt zu studieren?
So beginnt für viele der Einstieg in eine frustrierende Berufskarriere. Ich empfehle Ihnen einen Perspektivwechsel, wenn Sie Ihre Studienentscheidung treffen. Fragen Sie sich nicht nur: „Was möchte ich unterrichten?“ Fragen Sie sich: „Wen möchte ich unterrichten?“ Fasziniert es Sie, wie kleine Kinder staunen können, wenn sie etwas Neues entdecken? Dann sollten Sie Grundschullehrer werden. Die dafür nötige mathematische Kompetenz ist gering. Hier müssen Sie Kinder begeistern können. Kleine Kinder sind ausgesprochen personenfixiert. Als Klassenlehrer sind Sie häufig wichtiger als die Mutter. Sie werden hier Schnürsenkel binden, Nasen putzen und häufig müssen Sie die Grundlagen für Sozialverhalten legen. Ihre emotionalen Fähigkeiten sind mehr gefragt als Ihre fachlichen. Weil Sie viel mehr Stunden mit Ihren Schülern verbringen, werden Sie stärkere Bindungen zu Ihren Schülern aufbauen als ein Gymnasiallehrer.
Als Mathematiklehrer an einem Gymnasium dagegen können Sie herausfinden, ob jemand Ihre Freude an der zweiten binomischen Formel teilt.
Im Studium betreiben Sie eine abstrakte Mathematik, die Sie später in der Schule nicht anwenden werden. Was Ihnen dagegen an Didaktik und Methodik angeboten wird, befähigt Sie leider kaum für den Unterricht. Nach zahlreichen Gesprächen mit Lehramtsstudenten aus verschiedenen Bundesländern muss ich feststellen, dass sich die Ausbildung zum Gymnasiallehrer vielerorts noch immer auf das Dozieren von Fachwissen beschränkt. Die Studierenden fühlen sich wie Fachidioten ohne Handwerkszeug. Sie müssen auf einen guten Mentor im Referendariat hoffen, der Ihnen die nötigen Brücken in die Praxis baut. Unsere Kultusminister müssen diese Situation unbedingt zugunsten von mehr Praxiskompetenz verbessern.
In Bundesländern, in denen allein der Elternwille den Zugang zum Gymnasium ermöglicht, hat sich die Schülerklientel deutlich verändert. Das hat zur Folge, dass sich an manchen Gymnasien Wissensvermittlung und Sozialarbeit schon die Waage halten.
Oder ist Ihre Motivation, benachteiligten Schülern Chancengerechtigkeit zu verschaffen?
Wenn Sie als Mathematiklehrer an einer Sekundarstufe1 der Hauptschule unterrichten wollen, müssen Sie nicht nur in der Lage sein, mathematische Probleme auf einfachstes Niveau herunter zu brechen. Sie müssen ein großes Maß an pubertärer Renitenz nervlich ertragen. Sie müssen aushalten, dass Sie so manchen lieb gewonnenen Schüler nicht auf den Weg bringen. Das fällt gerade den Engagiertesten von uns besonders schwer.
Fachliche Kompetenz ist für das Lehramt nicht die halbe Miete. Wenn Sie sich mit Ihren Schülern nicht wohl fühlen, werden Sie ein schlechter Lehrer sein.
©Karin Brose